Trigger
Warum mich andere Menschen manchmal triggern – und was das wirklich mit mir zu tun hat
Ein Abend, eine Feier, unterschiedliche Menschen, viele Gedanken über andere und irgendwann die ehrliche Frage: Was hat das eigentlich mit mir zu tun? Über Abwertung als Schutzmechanismus und die Chance, hinter das eigene Urteil zu schauen.
Neulich war ich auf einer Geburtstagsfeier eines Schulfreundes meines Mannes.
Eigentlich ein schöner Anlass. Menschen, die sich lange nicht gesehen haben, die sich freuen. Festliche Kleidung. Gespräche. Lachen. Musik.
Und gleichzeitig war da in mir etwas, das ich nicht so schön fand.
Ich habe andere Menschen innerlich abgewertet.
Nicht laut. Nicht sichtbar.
Aber in meinen Gedanken ganz deutlich.
Wie sie sich gegeben haben.
Wie sie gesprochen haben.
Wie viel Raum sie eingenommen haben.
Wie künstlich, anstrengend, laut oder irgendwie drüber sie auf mich wirkten.
Und während ich das so beobachtet habe, kam irgendwann der unangenehme, aber ehrliche Gedanke:
Warum mache ich das eigentlich?
Nicht im Sinne von: Was stimmt nicht mit mir?
Sondern eher:
Was will in mir verstanden werden, wenn ich andere so schnell bewerte?
Ich glaube, genau da wird es spannend.
Denn Abwertung ist oft nicht einfach Bosheit.
Sie ist häufig ein Schutzmechanismus.
Ein schneller innerer Griff nach Sicherheit.
Ein Versuch, Distanz herzustellen.
Ein unbewusster Weg, sich selbst zu sortieren, wenn etwas im Außen uns innerlich berührt.
Im systemischen Coaching gehen wir davon aus, dass unsere Wirklichkeit nicht nur aus Fakten besteht, sondern auch daraus, wie wir sie deuten. Es gibt nie nur die eine Wahrheit. Spannend wird es dort, wo wir merken, an welcher eigenen Wahrheit wir gerade festhalten und welchen Teil davon wir verteidigen.
Vielleicht war genau das mein Punkt an diesem Abend.
Denn wenn mich ein Mensch besonders stark triggert, dann geht es oft nicht nur um diesen Menschen.
Dann geht es auch um mich.
Um etwas, das in mir angesprochen wird.
Ein Gefühl.
Eine Unsicherheit.
Ein alter Schmerz.
Ein Vergleich.
Ein unerfülltes Bedürfnis.
Oder vielleicht auch ein Anteil, den ich mir selbst nicht so leicht erlaube.
Im IBC gilt die innere Wahrheit als wegweisend. Gefühle werden dabei nicht als Störung verstanden, sondern als Wegweiser. Die eigenen Reaktionen ernst zu nehmen, hilft dabei, tiefer zu verstehen, was in uns wirklich los ist.
Das hat meinen Blick verändert.
Denn in dem Moment, in dem ich mich frage:
Was genau löst diese Person in mir aus?
verlässt die Situation die Oberfläche.
Dann geht es nicht mehr nur um „die anderen“.
Dann geht es um das, was in mir berührt wurde.
Vielleicht war da Neid.
Nicht unbedingt auf die Person als Ganzes, aber vielleicht auf eine Freiheit, mit der sie sich zeigt.
Vielleicht war da Scham.
Weil mich etwas an ihr an einen eigenen unsicheren Anteil erinnert.
Vielleicht war da Ablehnung.
Weil ich genau diese Art, sichtbar zu sein, mir selbst nie erlaubt habe.
Oder weil ich früh gelernt habe, dass man sich „nicht so gibt“.
Oft ist unser Urteil schneller da als unser wirkliches Gefühl.
Das Urteil klingt dann hart und klar.
Das Gefühl darunter ist meist viel verletzlicher.
Genau deshalb ist für mich inzwischen die ehrlichere Frage nicht mehr:
Warum ist die andere Person so?
Sondern:
Was schützt mein Urteil gerade in mir?
Das ist unbequem.
Aber auch heilsam.
Denn sobald ich mich das frage, komme ich raus aus der reinen Bewertung und zurück in Verbindung mit mir selbst. Im IBC ist genau diese Verbindung zentral: Verbindung zur eigenen Wahrnehmung, zu Gefühlen, zum Körper und zur inneren Wahrheit. Erst daraus kann so etwas wie Stimmigkeit entstehen.
Und ich glaube, das ist ein wichtiger Unterschied.
Abwertung trennt.
Bewusstheit verbindet.
Abwertung macht hart.
Bewusstheit macht ehrlich.
Abwertung hält mich auf Abstand.
Bewusstheit bringt mich näher an den eigentlichen Kern.
Für mich lag der Kern an diesem Abend vermutlich nicht in den anderen Menschen.
Sondern in der Frage, was mich an ihnen so berührt hat.
War ich selbst angespannt?
Habe ich mich verglichen?
Habe ich mich unwohl gefühlt?
War ich innerlich nicht ganz bei mir?
Gab es etwas, das ich an anderen abgelehnt habe, weil ich es in mir selbst nicht mag oder nicht leben kann?
Das sind keine angenehmen Fragen.
Aber es sind gute Fragen.
Im IBC heißt es, dass jede Reaktion uns etwas zeigen kann, wenn wir bereit sind, hinzuspüren. Die Wahrnehmung von Gedanken, Gefühlen, Empfindungen und Mustern ist dabei kein Nebenschauplatz, sondern der Anfang von Veränderung. Auch der systemische Blick hilft hier, weil er eine Herausforderung nie isoliert betrachtet, sondern im Zusammenspiel von Person, Kontext, Rollen und inneren Mustern.
Vielleicht kennst du solche Momente auch.
Du begegnest jemandem und bist sofort in der Bewertung.
Zu laut.
Zu angepasst.
Zu perfekt.
Zu bedürftig.
Zu arrogant.
Zu viel.
Zu wenig.
Und vielleicht lohnt es sich, genau dann einen Moment innezuhalten.
Nicht, um dich zu verurteilen.
Sondern um neugierig zu werden.
Was hat dich da wirklich getroffen?
Welches Gefühl war schneller, als du schauen konntest?
Woran hat dich diese Person erinnert?
Was darfst du bei dir selbst vielleicht liebevoller anschauen?
Denn manchmal ist der Mensch, den wir abwerten, nicht das eigentliche Problem.
Manchmal ist er eher ein Spiegel.
Nicht immer. Aber öfter, als uns lieb ist.
Und genau darin liegt auch eine Chance.
Nicht jede Abwertung macht uns klein oder schlecht.
Aber sie kann ein Hinweis sein.
Auf einen inneren Konflikt.
Auf eine alte Geschichte.
Auf einen Anteil in uns, der gesehen werden möchte.
Auf ein Bedürfnis, das gerade keinen anderen Ausdruck findet.
Im IBC ist eine wichtige Grundannahme, dass jedes Verhalten eine positive Absicht für die Person hat, die es zeigt. Übertragen auf Abwertung heißt das für mich: Auch diese Reaktion versucht oft, etwas in uns zu schützen oder ein unangenehmes Gefühl abzuwehren. Veränderung wird meist erst dann möglich, wenn wir eine bessere, bewusstere Wahl finden.
Vielleicht beginnt genau da ein neuer Umgang mit solchen Momenten.
Nicht:
Ich darf nie wieder werten.
Sondern eher:
Wenn ich werte, höre ich genauer hin.
Was denke ich gerade wirklich?
Was fühle ich darunter?
Was brauche ich in diesem Moment?
Und was hat das alles vielleicht mehr mit mir zu tun, als mir zuerst lieb ist?
Ich finde, das ist keine bequeme Form von Selbstreflexion.
Aber eine ehrliche.
Und vielleicht ist genau das der Anfang von innerer Balance:
nicht immer sofort freundlich, gelassen und weise zu sein,
sondern sich selbst auch dort zu begegnen, wo es eng, harsch und ungeschönt wird.
Mit etwas Mut.
Mit etwas Demut.
Und mit der Bereitschaft, hinter das eigene Urteil zu schauen.
Denn dort wartet oft nicht die Schuld.
Sondern die eigentliche Wahrheit.
Wenn dich andere Menschen immer wieder stark triggern, lohnt sich der Blick nach innen fast immer.
Nicht, weil dein Empfinden falsch ist. Sondern weil in solchen Momenten oft sichtbar wird, was in dir selbst nach Aufmerksamkeit ruft.
In meinen Coachings begleite ich Frauen dabei, solche inneren Reaktionen nicht nur zu analysieren, sondern wirklich zu verstehen: achtsam, ehrlich und ohne Selbstverurteilung.
Denn genau dort, wo wir uns selbst tiefer begegnen, entsteht oft die Veränderung, die im Außen spürbar wird.
Selbstreflexionsübung zum Thema:
Das ist ein mutiger und wichtiger Blick. Und ganz ehrlich: Andere abzuwerten macht einen nicht automatisch zu einem schlechten Menschen. Meist ist es eher ein Hinweis. Oft auf etwas, das in uns selbst berührt, getriggert oder bedroht ist.
Mein Eindruck: Abwertung ist selten das eigentliche Problem. Sie ist eher eine Schutzstrategie. Sie hilft für einen Moment, sich überlegen, sicherer, klarer oder weniger verletzt zu fühlen. Genau da liegt meistens der spannende Kern.
Du kannst dich dazu nicht nur fragen: „Warum bin ich so?“, sondern viel hilfreicher:
„Was schützt diese Abwertung gerade in mir?“
Hier sind Fragen, mit denen du tiefer kommst:
Einstieg: Was genau ist passiert?
- Wen habe ich abgewertet?
- Was genau an dieser Person oder ihrem Verhalten hat mich so gestört?
- Welche Gedanken gingen mir ganz spontan durch den Kopf?
- Was war mein innerer Kommentar über diese Person?
- In welchem Moment wurde es besonders stark?
Die zweite Ebene: Was hat es in mir ausgelöst?
- Was hat diese Person in mir berührt, das größer ist als die Situation selbst?
- Hat mich etwas neidisch gemacht, verunsichert oder innerlich unter Druck gesetzt?
- Habe ich mich klein, außen vor, unsicher oder ungenügend gefühlt?
- Gab es einen Moment, in dem ich mich vergleichen habe?
- Was war an dem Abend für mich emotional eigentlich anstrengend?
Die Schutzfunktion dahinter
- Wovor hat mich die Abwertung geschützt?
- Hat sie mir geholfen, mich nicht unterlegen zu fühlen?
- Hat sie mir geholfen, Distanz zu schaffen?
- Hat sie mir geholfen, etwas in mir nicht spüren zu müssen?
- Welches Gefühl wäre da gewesen, wenn ich nicht abgewertet hätte?
Spiegel-Fragen
Die finde ich oft am wirksamsten:
- Was lehne ich an dieser Person vielleicht ab, weil ich es mir selbst nicht erlaube?
- Wo hat diese Person etwas verkörpert, das ich selbst gern hätte oder gern freier leben würde?
- Was genau triggert mich: ihre Art, ihre Wirkung, ihr Auftreten, ihre Freiheit, ihre Unsicherheit, ihre Selbstdarstellung?
- Kenne ich diese Eigenschaft auch von mir, nur in einer anderen Form?
- Was sagt mein Urteil über die andere Person eigentlich über mich?
Herkunft und Muster
- Kenne ich dieses Abwerten aus meiner Familie oder aus früheren sozialen Kontexten?
- Musste ich früher andere einschätzen oder bewerten, um dazuzugehören oder mich zu schützen?
- Gab es in meiner Kindheit oder Jugend Situationen, in denen ich selbst bewertet wurde?
- Welche innere Regel könnte dahinterstecken, zum Beispiel:
- Man darf nicht zu viel Raum einnehmen
- Man darf sich nicht so zeigen
- Man muss sich im Griff haben
- Wer so ist, ist peinlich oder falsch
- Gegen welche innere Regel hat die Person vielleicht verstoßen?
Der eigentliche Kern
- Was sagt diese Situation über mein eigenes Selbstbild?
- Wo bin ich gerade selbst nicht in Frieden mit mir?
- Was fehlt mir innerlich in solchen Momenten: Sicherheit, Selbstwert, Zugehörigkeit, Entspannung, Erlaubnis?
- Was bräuchte der verletzliche Teil in mir stattdessen?
- Was wäre eine freundlichere Wahrheit über mich in diesem Moment?
Eine sehr direkte Kernfrage
Wenn du nur eine Frage mitnehmen willst, dann diese:
Was hat die andere Person in mir ausgelöst, das ich lieber bei ihr verurteile, als es in mir selbst anzuschauen?
Die ist unbequem, aber oft sehr treffsicher.
Mini-Reflexion in 4 Schritten
Du kannst das auch kurz schriftlich machen:
1. Ich habe abgewertet, als …
Beschreibe den konkreten Moment.
2. Mein Urteil war …
Schreibe den Gedanken ungefiltert auf.
3. Darunter lag eigentlich das Gefühl …
Zum Beispiel Unsicherheit, Neid, Scham, Ärger, Ausschluss.
4. In Wahrheit hätte ich gebraucht …
Zum Beispiel Ruhe, Selbstsicherheit, Erdung, Zugehörigkeit, Selbstannahme.
Meine Einschätzung
In solchen Situationen geht es oft um mindestens eines von vier Themen:
- Vergleich – jemand verkörpert etwas, das du selbst gern hättest oder nicht zu haben glaubst
- Abwehr – du lehnst im anderen etwas ab, das du in dir nicht fühlen willst
- Scham – jemand erinnert dich an einen wunden Punkt
- Selbstschutz – Abwertung stabilisiert kurzfristig dein eigenes Selbstbild
Das heißt nicht, dass dein Urteil komplett falsch sein muss. Manche Menschen verhalten sich tatsächlich unangenehm. Aber die entscheidende Frage ist:
Warum beschäftigt es mich so stark?
Da beginnt die eigentliche Selbsterkenntnis.
Damit du wirklich auf den Kern kommst
Schreib den Satz zu Ende, und zwar mehrmals:
- „Ich werte andere besonders dann ab, wenn …“
- „Insgeheim macht mir Angst, dass …“
- „Ich darf auf keinen Fall so wirken wie …“
- „Wenn ich ehrlich bin, beneide ich manchmal …“
- „Was ich bei anderen hart verurteile, ist oft …“
Da wird es meistens plötzlich sehr klar.
Freue mich, von Dir zu hören, wenn Du bis hier her gelesen hast, hast Du sicher einige Erkenntnisse gewonnen.
Herzliche Grüße Verena